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12.04.2022 Globalisierung & Urbanisierung

Im Gespräch mit Sigmar Gabriel

Interview Megatrends Zukunftstrends Wohnen & Leben

Wir sprachen mit dem ehemaligen Vizekanzler und jetzigen Vorsitzenden der Atlantik-Brücke im Januar 2022 über hybride Globalisierung, amerikanisch-chinesische Konkurrenz und die Wichtigkeit, als Unternehmen geopolitisch auf dem Laufenden zu bleiben.

Sigmar Gabriel wurde 1959 in Goslar geboren. Er war von 2009 bis 2017 Vorsitzender der SPD und von 2013 bis 2018 Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem war er Ministerpräsident von Niedersachsen, Bundesumweltminister, Bundeswirtschaftsminister und Bundesaußenminister. 2019 wurde er zum Vorsitzenden des Atlantik-Brücke e.V. gewählt.

Herr Gabriel, Sie sind Vorsitzender der Atlantik-Brücke, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Verhältnis von Deutschland und Europa zu den USA zu pflegen und zu vertiefen.

Wo liegen die Herausforderungen in den transatlantischen Beziehungen?

Wenn wir heute über transatlantische Beziehungen reden, reden wir über vieles, nur nicht den Atlantik. Wir reden zum Beispiel darüber, wie die westlichen Demokratien auf die Herausforderungen durch autoritäre Staaten, insbesondere China, reagieren sollen. Seit geraumer Zeit sehen die USA nicht mehr Russland als den großen Konkurrenten an, sondern China.

Sie wenden sich immer stärker dem Wettbewerb mit China zu, man könnte sagen: der Indopazifik ist der neue Atlantik. Zugleich empfinden die USA einen „imperial overstretch“. Das heißt, sie haben den Eindruck, nicht mehr beides sein zu können: führende Wirtschaftsnation und Schutzmacht der globalen politischen Ordnung.

Die USA sagen, wir müssen uns darauf konzentrieren, ökonomisch führend zu bleiben und deshalb werden wir uns aus Teilen der Welt zurückziehen und unsere Kraft auf den Wettbewerb mit China konzentrieren.

Welche Folgen hat diese veränderte Ausrichtung der USA für die Europäer?

In der Vergangenheit haben die Europäer ihre internationalen Interessen größtenteils an die USA delegiert. Außerdem erleben wir, dass Europa wieder versucht, in einer Krise den USA die Führung zuzuschieben, im Konflikt mit Russland. Daran sieht man, dass Europa auf dieses veränderte Verhältnis der Amerikaner zu ihrem globalen Auftritt überhaupt nicht vorbereitet ist, obwohl das dramatische Folgen hat.

Das Machtvakuum, das die Amerikaner hinterlassen, wird in der Regel durch autoritäre Staaten gefüllt: durch den Iran im Mittleren Osten, durch die Türkei, durch Russland, durch China.

„Amerika will die demokratische Welt anführen, aber es will nicht mehr die alleinige Verantwortung dafür tragen.“

Sigmar Gabriel

Die Europäer sind Zuschauer. Amerika will die demokratische Welt anführen, aber es will nicht mehr die alleinige Verantwortung dafür tragen. Wenn US-Präsident Joe Biden sagt „Amercia is back“, dann meint er die Rolle als Führungsnation der demokratischen Welt. Er meint damit nicht die Rückkehr zu der früheren Allzuständigkeit Amerikas.

Um ihre ökonomische Führungsrolle zu behalten, verfolgen die USA auch unter Joe Biden eine zumindest in Teilen protektionistische Politik. Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein großer Gewinner der Globalisierung gewesen.

Was bedeuten diese Tendenzen zur Abschottung, die nicht nur in den USA zu beobachten sind, für uns?

Worauf wir uns einstellen müs?sen, ist etwas, das man vielleicht hybride Globalisierung nennen kann. Es wird Teile der Globalisierung geben, die bleiben zweifelsohne bestehen. Die Rohstoffmärkte, der Großteil des Waren- und Dienstleistungsverkehrs – vieles davon ist in internationaler Arbeitsteilung organisiert und wird es auch in Zukunft bleiben. Aber es wird andere Bereiche geben, bei denen Unternehmen vor die Frage gestellt werden, welchem der Systeme sie sich anschließen wollen.

Das betrifft vor allem die digitale Welt, die Welt der künstlichen Intelligenz und der digitalen Geschäftsmodelle. Da ist der Wettbewerb und die Konkurrenz zwischen den USA und China besonders hart, und es kann gut sein, dass es einen Teil der internationalen Wertschöpfungskette gibt, der zukünftig nicht mehr in der gewohnten Arbeitsteilung ablaufen wird.

Ist die deutsche Industrie in Ihren Augen auf dem richtigen Weg, um dieser Herausforderung zu begegnen?

Die Bundesregierung hat das im vergangenen Jahr in ihrer Indopazifikstrategie gut beschrieben.

Die deutsche Wirtschaft insgesamt konzentriert sich zu sehr auf China. Andere Länder dieser Region sind nicht ausreichend im Blick. Wir denken wenig über Indonesien nach. Über Indien glauben wir, dass das Land zu kompliziert ist. Immerhin, wir haben ein bisschen Vietnam entdeckt. Aber die Region insgesamt stärker in den Blick zu nehmen und sich nicht zu sehr auf China zu konzentrieren, das ist eine der Antworten.

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir eine Relokalisierung erleben werden, die ebenfalls mit der Digitalisierung zusammenhängt. Die Auslagerung von lohnintensiven Arbeitsprozessen wird umso unattraktiver, je weiter die Digitalisierung der Produktionsketten voranschreitet.

Der Preis der Arbeit wird in seiner Bedeutung für den Wettbewerb geringer, andere wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden wichtiger, wie beispielsweise Stabilität, sichere Energieversorgung oder das Vorhandensein von Fachkräften.

„Keine Seite hat ein Interesse daran, dass die andere zusammenbricht."

Sigmar Gabriel

Wenn Sie sagen, dass sich Unternehmen im digitalen Bereich für das eine oder das andere System werden entscheiden müssen, bedeutet das, dass es auf diesem Sektor auch zu einem Kampf dieser Systeme kommen wird?

So etwas ist schwer vorauszusagen. Ich vermute, dass wir die nächsten zehn Jahre immer wieder versuchen werden, drei Bereiche in Balance zueinander zu bringen. Der erste Bereich ist der Konfrontationskurs von Europa und den USA mit China.

Das sind vor allem Menschenrechtsfragen, das ist Taiwan, und das ist die Sicherheit der freien Schifffahrt in der chinesischen See. Auf diesen Feldern werden wir der Auseinandersetzung mit China nicht ausweichen können.

Der zweite Bereich ist der wirtschaftliche Wettbewerb. Da glaube ich, dass die USA und China auf dem Weg sind, Rahmenbedingungen für harten, ´aber dennoch fairen Wettbewerb zu schaffen. Keine der beiden Seiten hat ein Interesse daran, dass die andere zusammen?bricht. Es geht um die Frage, wer ist an der Spitze, wer hat die Technologieführerschaft – aber nicht um Sieg oder Niederlage.

Und auch nicht um totale Abschottung. Die Verzahnung der beiden Volkswirtschaften ist viel zu eng dafür. Aber im Bereich der Digitalisierung kann es in der Tat sein, dass man als europäisches Unternehmen entweder auf beiden Seiten vertreten ist oder sich für eines der digitalen Systeme entscheiden muss. Und dann gibt es den dritten Bereich, bei dem die Länder auf Kooperation angewiesen sind: Dazu gehört die Pandemie, der Klimaschutz und auch die Kontrolle von Nuklearwaffen.

„Ich kann Wilo nur darin bestärken, seinen Weg weiterzugehen.“

Sigmar Gabriel

Wilo hat in seiner Organisation „Corporate Political Responsibility“ als eigenen Bereich etabliert, um als global agierende Unternehmensgruppe geopolitische Entwicklungen im Auge zu behalten und die Zusammenarbeit mit relevanten Stakeholdern weltweit weiter zu intensivieren.

Was würden Sie einem Unternehmen raten, um sich in dieser vielpolaren Welt richtig zu positionieren?

Ich kann Wilo nur darin bestärken, seinen Weg weiterzugehen. Das deutsche Geschäftsmodell ist ja, dass wir quasi die offenste Volkswirtschaft der Welt sind, unseren Wohlstand aber eben auch auf offenen Märkten in der Welt aufgebaut haben.

Die deutsche Volkswirtschaft hat einen Offenheitsgrad von über 90 Prozent. Im Vergleich dazu liegt Frankreich bei rund 60 Prozent, die USA um die 30 Prozent. Alles, was in Richtung Protektionismus geht, Handelskriege, geopolitische Rivalitäten, ist immer eine Gefahr für unser Geschäftsmodell. Ich glaube, dass es deshalb klug ist, wenn deutsche Unternehmen etwas lernen, was für amerikanische und britische längst üblich ist: sich über die geopolitischen Veränderungen zu informieren und auf dem Laufenden zu sein.

In Deutschland ist das noch eher unüblich, das machen bei uns nur sehr wenige, große Unternehmen, obwohl auch viele Mittelständler davon stark betroffen sein können. Das Risiko globaler Machtverschiebungen und politischer Veränderungen mit in die nicht finanziellen Risiken aufzunehmen und entsprechend zu versuchen, Vorsorge zu betreiben: Das halte ich für den richtigen Weg.