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26.01.2024 CEO Standpunkt

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Megatrends Corporate Political Responsibility Management

Plädoyer für einen neuen Blick auf globale Entwicklungen.

Essay von Oliver Hermes, Vorstandsvorsitzender und CEO der Wilo Gruppe

Das Jahr 2023 stand weltweit erneut im Zeichen der geoökonomischen Zeitenwende, die wir als unmittelbare Konsequenz der allgegenwärtigen geopolitischen Zeitenwende erleben. Alte Allianzen bröckeln und multinationale Kooperationen justieren sich neu. „Decoupling“ und „Diversifizierung“ sind die Stichworte: Protektionistische Mittel wie Handelsbarrieren, Sanktionen und Technologieembargos sind die Folge einer aus politischen Gründen eingeleiteten Entkopplung und Diversifizierung von Lieferketten mit dem äußerst anspruchsvollen Ziel, diese neu zu strukturieren.

Detaillierte Darstellung der Erde nachts aus der Satellitenperspektive.

Wer ist der Verlierer der geoökonomischen Zeitenwende?

Die Industriestaaten des Globalen Nordens haben sich in einer Phase der Hyperglobalisierung mit den Ländern des Globalen Süden wirtschaftlich vernetzt. Was auf diese rund 30 Jahre dauernde Verflechtung folgte, war nicht weniger als ein politischer Paradigmenwechsel: Mit Ideen wie Near- und Friendshoring sollte die Wertschöpfung wieder zurück in heimische Gefilde des Globalen Nordens geholt werden.

Reduziert der Globale Norden sein Engagement im Globalen Süden, lägen die Folgen auf der Hand. Der Norden sichert seine kritische Infrastruktur, während der Süden in eine vorglobalisierte Wirtschaftsordnung zurückgeworfen wird. Der Norden profitiert von der geoökonomischen Zeitenwende, der Süden trägt die Konsequenzen. Kurzum: Der Norden gewinnt, der Süden verliert.

Wirklich?

So einfach sind geoökonomische Zusammenhänge natürlich nicht zu erklären. Die Hyperglobalisierung der letzten Jahrzehnte lässt sich nicht ohne Weiteres zurückdrehen. Und in der politischen Sphäre wird oft vergessen, dass es eine „end-to-end“-Unabhängigkeit von Volkswirtschaften mit komplexen Systemen auch niemals geben kann. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die politisch motivierte Neujustierung der Lieferketten nicht ihre gewünschte Wirkung erzielt. Bei genauerer Betrachtung klaffen Anspruch und Wirklichkeit kräftig auseinander.

Beispielhaft seien hier die Lieferengpässe bei der Versorgung mit medizinisch-pharmazeutischen Produkten in Europa zu nennen. Defizite bei kritischen Gütern sollten beseitigt und Lücken in der Beschaffung oder eigenen Herstellung geschlossen werden. Bis heute ist diese Verfügbarkeit bei wichtigen Erzeugnissen teilweise noch immer nicht gegeben. Stattdessen bestehen weiterhin erhebliche Abhängigkeiten: Etwa 70 Prozent aller in Europa produzierten Medikamente enthalten Wirkstoffe aus China – ein Land, das übrigens per Definition zum Globalen Süden zählt, wenngleich es darin sicherlich eine Sonderstellung einnimmt.

Besonders deutlich fällt die Diskrepanz zwischen politischem Wunsch und Wirklichkeit bei der Rohstoffbeschaffung auf. Auch hier ist China – als weltweit größter Produzent Seltener Erden – in einer starken Position. Schätzungen zufolge lagert rund ein Drittel der weltweiten Reserven in China. Benötigt werden die Metalle für so gut wie jedes Hochtechnologieprodukt. Das bringt die ganze Welt in eine kaum überwindbare Abhängigkeit von der Volksrepublik, ganz besonders aber den technologisierten Globalen Norden, der vor Herausforderungen wie der Mobilitätswende steht.

Statt der sichereren Versorgung kritischer Infrastrukturen und mehr Unabhängigkeit erlebt der Globale Norden eine neue, langfristige Krise: Aus verschiedenen Quellen, etwa dem von den Vereinten Nationen veröffentlichten World Investment Report 2023, geht hervor, dass die ausländischen Direktinvestitionen in Nordamerika und vor allem in Europa zurückgehen und sich auf Länder des Globalen Südens verlagern. Geradezu exemplarisch äußert sich diese Verschlechterung in Deutschland, wo längst das Schreckgespenst der De-Industrialisierung grassiert.

Diese Beispiele zeigen deutlich: Der Globale Norden ist schon jetzt der Verlierer der geoökonomischen Zeitenwende. Die Sicherheit der kritischen Infrastruktur ist genauso wie die Unabhängigkeit der Lieferketten trügerisch. Viel mehr Aufmerksamkeit sollte der Globale Norden seiner eigenen Standortattraktivität für Investoren widmen. Denn nur mit eigenen Schlüsselindustrien ist das Ziel, kritische Infrastrukturen zur sichern, resilient und unabhängig zu sein, überhaupt zu erreichen.

Ist der Globale Süden deshalb der Gewinner der geoökonomischen Zeitenwende? Tatsächlich sprechen mehrere Gründe dafür, dass die Länder der südlichen Hemisphäre nicht, wie eingangs erwähnt, in eine vorglobalisierte Wirtschaftsordnung zurückgeworfen werden, sondern ein echtes Aufleben erfahren. Geradezu exemplarisch wird das am „BRICS“ bzw. „BRICS plus“-Bündnis deutlich, in dem sich mehrere Staaten des Globalen Südens und Russland organisiert haben, um gemeinsam ihre Interessen zu vertreten.

Warum ist der Globale Süden langfristig Gewinner der geoökonomischen Zeitenwende?

Es ist deutlich spürbar, dass sich der Aufstieg des Globalen Südens nicht vom um sich greifenden Protektionismus bremsen lässt. Grund zu dieser Annahme geben die global wirkenden Megatrends. An drei Beispielen lässt sich besonders gut illustrieren, dass die Megatrends im Globalen Süden anders wirken als im Globalen Norden.

Der Klimawandel ist eine der wohl größten Herausforderungen unserer Zeit und eine globale Aufgabe. Doch die Hauptverantwortung für die Erderwärmung tragen die Industriestaaten des Globalen Nordens. Eine Studie der Universität Leeds kam gar zu dem Ergebnis, der Norden müsste dem Süden 170 Billionen US-Dollar zahlen, wollte er seine übermäßigen Emissionen finanziell kompensieren. Die Last im Kampf gegen den Klimawandel trägt nämlich vor allem der Globale Süden. Beispiel Jakarta: Die Hauptstadt Indonesiens liegt schon heute teilweise unter dem Meeresspiegel, der in den kommenden Jahren noch steigen wird. Angesichts dieser Entwicklung hat die Regierung des Inselstaats beschlossen, eine neue Hauptstadt zu bauen: Nusantara. Ein Megaprojekt, bei dem die Planerinnen und Planer von vornherein konsequent auf Nachhaltigkeit und smarte Infrastrukturen setzen.

Die Urbanisierung schreitet voran. Bedenkt man, dass rund 80 Prozent der Weltbevölkerung im Globalen Süden leben, wird schnell klar, welches Ausmaß die Urbanisierung in den Ländern der südlichen Hemisphäre annimmt. Bisher zählen die Vereinten Nationen weltweit 33 Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Bis 2050 werden diese Marke 14 weitere Städte knacken – nur zwei von ihnen liegen im Globalen Norden. Um dem Bedarf nach städtischem Raum gerecht zu werden, entstehen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weltweit mindestens zehn große Planstädte; darunter das bereits erwähnte Nusantara in Indonesien, aber auch Neom in Saudi-Arabien, Tashkent New City in Usbekistan und Alatau in Kasachstan. Alle zehn „Städte der Zukunft“ lassen sich im Globalen Süden verorten und stehen für visionäre, mutige Konzepte, die man im Globalen Norden vergeblich sucht.

Die Wasserknappheit verschärft sich ebenfalls. 450 Millionen Kindern leben laut UNICEF schon heute in Gebieten mit hoher oder extrem hoher Wasserunsicherheit. Das entspricht jedem fünften Kind weltweit. 190 Millionen Kinder in zehn afrikanischen Ländern sind dabei besonders bedroht, weil bei ihnen eine unzureichende Versorgung mit Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene (WASH), eine hohe Last an durch schmutziges Wasser verursachte Krankheiten und hohe Risiken durch den Klimawandel zusammenkommen. Dabei hat Wasserknappheit auch Folgen für die Nahrungsmittelsicherheit, denn eine funktionierende Landwirtschaft ist auf Wasser angewiesen. Dass der Globale Süden in der Lage ist, auch diesen Problemen mit innovativen Großprojekten zu begegnen, beweist Ägypten: Mit dem Toshka-Projekt soll dort insgesamt eine Million Hektar Wüste landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden. So verbessert das afrikanische Land seine Wasser- sowie Nahrungsmittelversorgung erheblich und macht sich unabhängiger.

Ist der Globale Süden also Gewinner der geoökonomischen Zeitenwende – trotz der gewaltigen Herausforderungen, die mit den Megatrends einhergehen? Tatsächlich ist er wohl gerade wegen der Megatrends auf einem historischen Erfolgskurs.

Unbestritten ist, dass die Megatrends für die Bewohnerinnen und Bewohner der Länder im Globalen Süden in erster Konsequenz nicht nur Wohlstandsgewinne bedeuten. In Folge der Wasserknappheit in Afrika zum Beispiel leiden Millionen von Menschen. Doch für die betroffenen Länder bedeuten die Megatrends in Summe eine nie dagewesene Dynamik. Sie machen die Länder der südlichen Hemisphäre mehr und mehr zu handelnden Akteuren auf der ökonomischen und politischen Bühne einer multipolaren Welt.

Großprojekte wie Toshka und Nusantara bedeuten nicht nur eine Belebung der regionalen Konjunktur, sondern auch moderne Wohn-, Arbeits- und Lebensräume. Hinzu kommen Standortvorteile gegenüber dem Globalen Norden wie die bessere Verfügbarkeit von Fachkräften, ein höheres Vorkommen an natürlichen Ressourcen und geringere regulatorische Vorschriften.

Im Rahmen der geoökonomischen Zeitenwende bröckeln alte Allianzen und es justieren sich neue multinationale Kooperationen. Der Globale Süden hat die bis dato einzigartige Möglichkeit, den Umbruch in seinem Sinne mitzugestalten und sich auch langfristig Unabhängigkeit und Einfluss zu sichern. Wir können uns sicher sein, dass er diese Chance nutzen wird.

Was bedeutet diese Entwicklung für den Globalen Norden?

Es liegt auf der Hand, dass dieser Veränderungsprozess die Entscheiderinnen und Entscheider im Globalen Norden zu einem Umdenken bewegen wird. Es braucht dringend einen anderen Blick auf den Globalen Süden.

Anstelle einer Politik, die die Welt in „gut“ und „böse“ einteilt, muss der Globale Norden, allen voran Europa, jetzt vor der eigenen Haustüre kehren und dafür sorgen, dass die wirtschaftlich-industrielle Basis nicht zerstört wird und so eklatante Wohlstandsverluste drohen.

Langfristig aber müssen wir die Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas als autarke Player in der Weltwirtschaft begreifen. Sie haben eigene Interessen, die sie selbstbewusst einfordern werden. Es braucht deshalb Partnerschaften auf Augenhöhe zwischen Ländern aus Nord und Süd, in denen die Interessen des jeweils anderen ernst genommen werden.

Oliver Hermes ist Vorstandsvorsitzender und CEO der Wilo Gruppe, Vorsitzender des Kuratoriums der Wilo-Foundation, Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Familienunternehmen, Mitglied des Präsidiums des Nah- und Mittelost-Vereins e.V. (NUMOV) und Mitglied des Vorstandes des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Er ist Essayist mit Beiträgen, die in unabhängigen Medien publiziert werden. Der Autor gibt seine eigene Meinung wieder.